Die Nase kennt den Weg

Wie Düfte Struktur und Orientierung schenken

Seit ich denken kann, bin ich blind. Zum Unsichtbaren fühlte ich mich naturgemäss ganz besonderes hingezogen. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar und auch nicht mit Händen zu greifen. Die unsichtbaren Düfte taten es mir ganz besonders an. Ich konnte mich an ihnen orientieren, sie sagten mir, wo ich mich befand. Die Düfte der Natur und der  Speisen sprachen zu mir, ich verstand sie und war dankbar für ihre meist freundlichen Botschaften. Ich nahm wahr, dass die flüchtigen Düfte eine Struktur besitzen. Thymian war wie ein warmer fester Body, in dem ich bei Bronchitis gesund werden konnte. Heuduft was das gemütlichste Zuhause, das ich mir ausdenken konnte, in dem ich auch dann nicht einsam war, wenn ich alleine zu hause war. Der Duft der Linde hingegen war ein weiter, weiter Raum, in dem ich mich verlor.

 

Düfte sind die besten Landkarten im Orientierungslauf des Lebens. Sie sagen uns klar, wo und wer wir sind. Ausgerechnet Düfte vermögen es, einer unruhigen, verzweifelten oder traurigen Seele die Struktur anzubieten, sie sie braucht, Boden unter den Füssen zu spüren und den Alltag zu bewältigen, aber auch den Mut zu erhalten, zu sich zu stehen und seine Träume zu leben.

 

Yvonn Scherrer